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Full text of "Die Zentralorganisation schwedischer Schüler (SECO)"

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Beiträge 

zur schwedischen 
Schulreform 



Marburger Forschungsstelle für 
Vergleichende Erziehungswissenschaft 



Bernhard Bierschenk 

Die Zentralorganisation schwedischer Schüler (SECO) 



Die schwedische Schülerselbstverwaltung ist im 
Hinblick auf ihre Aktivität und ihren Einfluß auf 
Behörden, Regierung und Parlament einmalig in Eu- 
ropa - wenn nicht sogar in allen Ländern der Er- ' 
de. In den letzten Monaten ist sie auch in 
Deutschland bekannt geworden, als berichtet wur- 
de, daß sie während des Lehrerstreiks den Unter- 
richt fast allein mehrere Wochen lang mit Erfolg 
weiterführte. Nahezu alle wesentlichen Gutach- 
ten, die das schwedische Kultusministerium veröf- 
fentlicht, werden zuvor SECO zur Stellungnahme 
zugesandt. Die schwedischen Schüler befassen 
sich mit zentralen Fragen der organisatorischen 
und inneren Schulreform. Viele ihrer Gutachten 
sind bereits in schwedische Reichstagsbeschlüsse 
eingegangen. Sie nehmen an Lehrerkonferenzen über 
pädagogische Fragen teil und befassen sich mit 
der Neuformulierung des Lehrplanes. Ihre Prinzi- 
pien entsprechen Grundsätzen der Erneuerung 
schwedischer Schulen. 



207 



Was ist SECO? 

1. Die Entstehung 

■ 

Im Jahre 1940 setzte, die schwedische Regierung 
eine Untersuchungskommission für eine Schulreform 
ein, der 1946 eine zweite Kommission folgte. Das 
Ergebnis der Arbeit dieser Kommissionen war ein 
"Prinzipiengutachten" von 1948, in dem es u.a. 
hieß: 

"Eine innerhalb der Schule demokratisch aufgebau- 
te Schülermitverwaltung gibt den Schülern gute 
Möglichkeiten, in geordneten Formen zusammenzuar- 
beiten und in Verantwortung gemeinsame Beschlüsse 
zu fassen ... Die Kommission kommt zu der Über- 
zeugung, daß man das Gewicht einer guten Zusammen- 
arbeit zwischen dem Rektor und dem Kollegium auf 
der einen und den Schülern auf der anderen Seite 
gar nicht überschätzen kann. Den Schülern soll 
durch ihre Repräsentanten eine bedeutende Ein- 
flußnahme auf die Gestaltung der Ordnungsregeln 
und deren Eignung für die Schüler gegeben werden. 
Sie sollen weiterhin ein Vorschlagsrecht für die 
Planung der Schularbeit haben, sowie das Recht zu 
Beratungen dieser Fragen mit dem Rektor und der 
Lehrerschaft ... Nur dort, wo man die Vorschläge 
der Schüler in angemessener Art und Weise berück- 
sichtigt, wird indessen das Interesse für eine 
Schülerrepräsentation bestehen . " 

Als dieses Gutachten erschien, gab es in Schwe- 
den kaum eine Schülermitverantwortung. Es lagen 
nur erste Versuche aus den Jahren 1920-30 vor, 
die jedoch keine größeren Auswirkungen besaßen. 
Einzelne Schülerselbstverwaltungen bildeten sich 
bis 1950 an Schulen in der Umgebung von Stock- 
holm, Göteborg und Malmö. Kurz danach setzte 
jedoch eine rasche Entwicklung ein, die dazu führ- 



208 

te, daß zu den etwa 30 konstituierten Selbstver- 
waltungen der Schüler in den Jahren 1950 bis 1960 
annähernd 100 neue Organisationen hinzukamen. 
Die Ausweitung dieser zunehmenden Mitverantwor- 
tung wird in folgenden Zahlen deutlich: 

Jahr Zahl der Schülerorganisationen 



1950 ca. 30 

1955 ca. 60 

1960 - ca. 130 

1961 ca. 190 
1963 ca. 323 
1966 über 500 



Nicht nur in den Gymnasien, sondern auch in den 
Grundschulen, Fach- und Berufsschulen nimmt die 
Aktivität der Mitverwaltung schwedischer Schüler 
zu. 

Zunächst erfolgte eine solche Konstituierung nur 
innerhalb einzelner Schulen. Nach 1952 kam es je- 
doch bereits zu Zusammenschlüssen auf Distrikt- 
ebene. Der Einfluß dieser Organisationen war 
noch gering. 1955 folgte die Bildung eines über- 
regionalen Kongresses der Schüler von Stockholm, 
Malmö und Göteborg, dessen Mitglieder von den 
Schülervertretern gewählt wurden. Er wurde zu 
einem beschlußfassenden Organ. Damit waren die 
Grundlagen für eine weitere Aktivität der Schü- 
ler geschaffen. Einheitliche Bestimmungen, ein 
Informationsdienst und ein eigenständiger Ar- 
beitsausschuß förderten den Ausbau. 



209 

1952 1 ' entstand die SECO, die Zentralorganisa- 
tion schwedischer Schüler. 1959 konnte der erste 
von ihr einberufene Schülerreichstag stattfinden. 
Hier wurden die Verfassung der SECO, Richtlinien 
für ihre Arbeit, schulpolitische Probleme disku- 
tiert und Beschlüsse gefaßt, während die Ausfüh- 
rung der Beschlüsse einem Arbeitsausschuß über- 
lassen wurde. Zugleich organisierten die Zentral- 
und Distriktverwaltungen Ausbildungskurse für die 
Arbeit der Schülermitverwaltungen. Die Mitglie- 
der dieses Reichstages wurden in den folgenden 
zwei Jahren aus den Schülervertretungen der ein- 
zelnen Schulen gewählt. Die Zahl der Delegierten 
stieg von 80 auf etwa 200 im Jahr 1961. 

Die neue Aktivität der Schüler wurde auch all- 
mählich in der Öffentlichkeit bekannt. Die staat- 
lichen Instanzen gewährten SECO zum weiteren Auf- 
bau eine finanzielle Beihilfe, die inzwischen 
von 10 000 Kronen im Jahr 1963/64 auf 60 000 
Kronen (1965/66) gestiegen ist. 

Da inzwischen auch das Kultusministerium und an- 
dere staatliche Stellen, gelegentlich auch Beruf s- 
und Fachverbände ihre Gutachten zur Stellungnah- 
me an SECO übersandten, nahm für sie der Arbeits- 

1) Nach den uns vorliegenden Unterlagen wurde 

SECO 19 52 gegründet. Außerdem gab es eine wei- 
tere Organisation: SEO (d.i. Stockholms elev- 
organisation = Stockholmer Schülerorganisa- 
tion) . 



210 



umfang erheblich zu. Eine Umorganisation wurde 
auf dem Schülerreichstag im März 1965 beschlos- 
sen. Seither werden die Mitglieder dieses Schü- 
lerreichstages aus den Vertretern der beschluß- 
fassenden Versammlung auf Distriktebene gewählt. 
Damit wurde die Zahl der Reichstagsmitglieder 
auf 120 reduziert. Die Anzahl der Delegierten 
richtet sich nach der Zahl der "Schülermitglie- 
der" innerhalb der einzelnen Distrikte. 

Zugleich wurde die Arbeit der Reichsorganisation 
auf Fachausschüsse verteilt. So gibt es z.B. Aus- 
schüsse für verschiedene Schulformen, einen 
Rechtsausschuß, einen Presseausschuß usw. Ausfüh- 
rendes Organ ist jedoch weiterhin der Arbeits- 
ausschuß. Für Fragen von sekundärer Bedeutung 
wurde ihm ein Beschlußrecht zuerkannt. Eine Rei- 
he von Aufgaben wurde auf die Distrikte übertra- 
gen. So kam es zu einer Arbeitsteilung und damit 
zu einer gewissen Dezentralisierung. Da SECO in- 
zwischen auch selbständige Untersuchungen zu 
schulpolitischen Problemen durchführte, war eine 
solche Änderung notwendig. 

Es sind also mehrere Phasen in der Entwicklung 
der schwedischen Schülermitverwaltung festzustel 
len: 

1) Einzelversuche: 1920-1930. 

2) Vorschlag zu einem Ausbau in dem Reformgutach 
ten der staatlichen Kommission 19 48. 

3) Bildung einzelner Schülermitverwaltungen in 
einigen Großstadtbezirken (bis 1950). 



211 



4) Zusammenschluß auf Distriktebene, Konstituie- 
rung von SECO und SEO, Bildung eines Kongres- 
ses (bestehend aus den Schülervertretern von 
Stockholm, Göteborg und Malmö) - ohne sicht- 
bare Auswirkung (bis 1955) . 

5) Ausdehnung der Organisation über das Land, 
Bildung eines Informationsdienstes, eines ei- 
genständigen Arbeitsausschusses und Entwurfes 
einheitlicher Bestimmungen, Durchführung des 
ersten Reichstages im Jahr 1959, zunehmender 
Einfluß der SECO (1955-1960). 

6) Ausbau, Ausdehnung, Zentralisierung, Einfluß- 
nahme auf schulpolitische Entwicklungen, För- 
derung durch den Staat, Verantwortungsübertra- 
gung durch staatliche und öffentliche Stellen 
(1960-1965) . 

7) Arbeitsteilung, gemäßigte Dezentralisierung, 
Neukonstituierung und Satzungsänderung, Durch- 
führung von Ausbildungskursen für Schülerver- 
treter, Bildung von Fachausschüssen (1965) . 



2 . Satzung und gegenwärtige Organisationsform 



SECO vertrat 1965 die Schülermitverwaltungen der 
meisten Schulen und zwar in: 
160 von 183 Gymnasien, 

100 von 541 Grundschulen (hier ist der Aufbau im 
Gang) , 

2 Fachschulen (Aufbau im Gang) , 
6 Berufsschulen (Aufbau im Gang) . 



Da die Grund-, Berufs- und Fachschulen durch die 
Schulreform neu gebildet wurden, ist hier eine 
Konstituierung der' Schülermitverantwortung in 
den nächsten Jahren zu erwarten. Der Einflußbe- 
reich SECO umfaßt 22 von 24 schwedischen Distrik- 
ten (läns) . 



212 



Die Satzung vom März 1965 schreibt folgende Be- 
dingungen für die Mitgliedschaft vor: 

"Mitgliedsberechtigt in der Organisation sind die 
Schüler der Grundschuloberstufe, der Gymnasien, 
der Fachschulen, der Berufsschulen und entspre- 
chender Schulformen. 
Die Mitgliedschaft in der SECO kann 

a) durch die Mitgliedschaft einer der Organisa- 
tion angeschlossenen Schülermitverwaltung oder 

b) durch direkten Anschluß 
erlangt werden." 

Der Organisationsaufbau wird durch das folgende 
Schema veranschaulicht. 



Reichsebene 



Schülerreichstag 
•< — 



ERIK 



Bundesrat 



Distrikt- 
Ebene 
(läns) 



Beschlußfassende 
Versammlung 



Distriktrat 



Lokale 
Ebene 



!— r 



Schüler 



| Schülerrat 



Beschlußfassende 
Versammlung der 
S c hü 1 erm i t verwa ltung 
einer Schule 



i) 



1) Nicht eingezeichnet sind in diesem Schema die 
zahlreichen Ausschüsse und Sonderkommissionen 
und der Informationsdienst. 



213 

3. Allgemeine Ziele und Prinzipien der SECO 



Im Lehrplan der Grundschule heißt es u.a.: 

"... Die Schülermitverwaltung bildet einen Kanal 
für die Kontakte zwischen den Schülern und den 
beschließenden oder konsultierenden Instanzen 
innerhalb der Schule (Rektor, Kollegium, Eltern- 
Vereine usw.), um das Wohl der Schule zu verbes- 
sern und eine positive Einstellung zur Schule 
und der dort geleisteten Arbeit zu schaffen." 

SECO hat diese Aufgabe ernst genommen und hat 

allgemeine Prinzipien formuliert, die aussagen, 

welche Absichten sie verfolgt und von welchen 

Grundsätzen sie sich leiten läßt. Im § l der 

Satzung heißt es: 

"Die Organisation ist politisch und konfessionell 
ungebunden und hat sich zur Aufgabe gesetzt 

a) die angeschlossenen Schüler und deren lokale 
Repräsentanten zu unterstützen, 

b) als Repräsentant der angeschlossenen Schüler 
und in deren Interesse in Schülerfragen zu 
wirken, 

c) durch ihre Arbeit, die sich sowohl auf die 
Schüler als Gesamtheit als auch auf die Behör- 
den richtet, dafür einzutreten, daß die Schu- 
le von demokratischen Ideen geprägt wird." 

Diese Formulierung wird ergänzt durch die Kon- 
kretisierung einiger Zielsetzungen, für deren 
Verwirklichung SECO sich einsetzen will. Außer 
der genannten Demokratisierung strebt sie eine 
Objektivierung des Unterrichts, eine Modernisie- 
rung und eine Internationalisierung der Lehrin- 
halte an. 



Der "Vertrauensmann" der Reichsorganisation er- 
läuterte uns diese Prinzipien und Hauptziele: 



214 

1) Demokratisierung 



Eine stärkere Mitverantwortung der Schüler soll 
eine praktische Schuldemokratie verwirklichen. 
Die Wahlen der Vertreter jeder Schule für die be- 
schlußfassende Versammlung des Distrikts und des 
Vorsitzenden des lokalen Schülerrates fordern je- 
den Schüler zur Mitentscheidung auf. Die Arbeits- 
formen der Schule sollen so geändert werden, daß 
die Schüler einen größeren Einfluß und damit auch 
eine stärkere Verantwortung erhalten. Die Schule 
soll eine vollkommene Rechtsgesellschaft werden, 
in der die Freiheit des Glaubens, der Gedanken 
und der Meinung gewahrt oder geschaffen werden. 
Das Verhältnis Lehrer-Schüler soll von autoritär- 
hierarchischen Relikten befreit werden. Der Leh- 
rer soll der Arbeits leiter und Ratgeber und weni- 
ger der Kommandeur der Schüler sein. Seine sach- 
liche Autorität ist anzuerkennen, aber leere 
Machtansprüche sind abzulehnen. Die Schüler sol- 
len zum Helfer des Lehrers werden. Sie sollen 
mit dem Lehrer beraten, bei der Unterrichtsge- 
staltung Vorschläge unterbreiten und bei der Or- 
ganisation des Unterrichts Aufgaben übernehmen, 
um den arbeitsüberlasteten Lehrern zu helfen. 
Dabei geht es nicht allein darum, diese Hilfe zu 
leisten, sondern auch die Arbeit der Schule ern- 
ster zu nehmen: Wo sie nicht allein vorgeschrie- 
ben, sondern von allen mitgetragen wird, nimmt 
man engagierter an ihr teil. 



215 



2) Objektivierung 

Die Schüler wollen urteilsfähiger werden, um 
selbst klare Standpunkte beziehen zu können. Der 
Unterricht soll daher verschiedene Positionen und 
Uber Zeugungen verdeutlichen. Das gilt z.B. für 
den Religionsunterricht: Die Glaubenslehren an- 
derer Weltreligionen sollen stärker in das Lehr- 
programm einbezogen werden. In der Gesellschafts- 
kunde hoffen die Schüler auf eine sachliche In- 
formation über Programme und Bestrebungen nicht 
nur der nationalen Parteien, sondern auch der 
Staatsformen und maßgeblichen Weltanschauungen, 
soweit sie weltpolitische Bedeutung besitzen. 
Der Sexualunterricht soll verschiedene Stellung- 
nahmen darlegen; eine offene Diskussion über die- 
se Fragen wird gewünscht, wobei auch Meinungen 
zur Sprache kommen sollen, die eine traditionel- 
le Moral verwerfen. 

3) Modernisierung 

Die Schule soll ebenso modern sein wie andere 
öffentliche Bereiche und Institutionen, sie soll 
z.B. nicht hinter Formen und Bestrebungen der 
Wirtschaft zurückbleiben. Vielmehr soll sie die 
Entwicklung antizipieren, sie mitbestimmen, 
statt ihr nur zu folgen. Eine rationellere Orga- 
nisation soll den Ausbildungsertrag steigern, 
die Mitarbeit der Schüler fördern und eine Auf- 



216 

nähme von noch mehr Jugendlichen in die Gymnasien 
Fachschulen und Berufsschulen ermöglichen. Moder- 
ne Arbeitsmittel und aktuelle Probleme sollen 
mehr als bisher in den Unterricht einbezogen wer- 
den. Die neuen Wissenschaften (Sozialwissenschaf- 
ten usw.) sind in ihren Forschungsergebnissen 
möglichst zu berücksichtigen, soweit sie zur Ori- 
entierung der jungen Menschen in der modernen 
Welt einen Beitrag leisten können. 

4) Internationalisierung 

Die Betonung des nationalen Gesichtspunktes ist 
zugunsten übernationaler Prinzipien und Inhalte 
zu reduzieren. So soll z.B. die Weltliteratur 
stärker berücksichtigt werden. Weltgeschichte 
soll die Begrenzung auf nationale Geschichte auf- 
heben. Zugleich wollen sich die Schüler an der 
Praktizierung dieses Prinzips beteiligen. Sie 
helfen z.B. am Aufbau von Schulen in Afrika und 
Südamerika (s.u.), sammeln für Hilfsfonds und 
nehmen Kontakte mit Gruppen und einzelnen jungen 
Menschen anderer Länder auf . 



217 



4. Praktische Ziele und Aufgaben innerhalb der 
Organisation der Schulen und der Schülermit- 
verwaltung 



a) Aufgaben der Bundesleitung 

Als wichtigste praktische Aufgaben werden ge- 
nannt : 

Weiter-Ausbau eines umfassenden und gut orga- 
nisierten Informationsdienstes, Herausgabe der 
Reichsschülerzeitung "Skol-K", 
Durchführung von Inf ormations- und Ausbil- 
dungskursen, 

Aufbau einer Verkaufsorganisation, 
Vermittlung von Auslandsreisen in Zusammenar- 
beit mit der schwedischen Studentenorganisa- 
tion, 

Vermittlung von Sprachkursen, 
Verkauf von Standardwerken für die Bildung 
der Schüler und von Lehrbüchern zu herabge- 
setzten Preisen, 

Unfallversicherung für alle Mitglieder. 

b) Aufgaben innerhalb der Distrikte 

Behandlung von schulpolitischen und organisa- 
torischen Problemen mit den Vertretern der 
Schulbehörden. Diskussion neuer Gutachten zur 
Schulreform, zur Verbesserung der Lehrpläne 
und zur Erneuerung der Rechtslage der Schüler. 

Wahrnehmung der Schülerinteressen gegenüber 
der Distriktverwaltung, Diskussion von An- 
tragsentwürfen für den Schülerreichstag. 



Mit zunehmender "Kommunalisierung" der Schulen 
werden die Distriktverwaltungen eine größere Be- 
deutung erhalten. Zunächst wollen sie an dieser 
Kommunalisierung beratend und mithelfend teilneh- 
men. Presseberichte sollen die Schüler und die 



218 



öffentlichkeit innerhalb der Distrikte über Auf- 
gaben, Vorschläge, Leistungen und Probleme der 
Schüler unterrichten. Ausbildungskurse für Schü- 
lervertreter in den Distrikten sind vorzuberei- 
ten und durchzuführen. 

c) Aufgaben in der Schule und in Lehrer-Konf eren 
zen 

Die Schülermitverwaltungen entsenden ihre Ver 
treter in die Fachlehrer- und Klassenlehrer- 
konferenzen sowie in den Zusammenarbeitsaus- 
schuß . 

Damit nehmen sie an den wichtigsten Beratungen 
über Fragen des Unterrichts und nahezu der gesam 
ten schulischen Arbeit teil. In der Fachlehrer- 
konferenz werden z.B. die Schulbücher für jedes 
Fachgebiet bestimmt. (In Schweden bekommen alle 
Schüler Lehrmittel und -bücher gratis) . Die Klas 
senlehrerkonf erenzen befassen sich mit praktisch 
pädagogischen Problemen, der Zusammenarbeitsaus- 
schuß u_a. mit Disziplinfragen der Schule (ihm 
gehören der Rektor, gewählte Lehrer und Mitglie- 
der der Schulbehörde an. Bei solchen Beratungen 
werden auch der Schularzt, der Schulpsychologe, 
die Eltern oder der Hausmeister herangezogen) . 
Darüber hinaus ergeben sich zahlreiche Einzelfra 
gen, die in der täglichen Arbeit erwachsen oder 
durch die überregionale Organisation zugewiesen 
werden . 



219 

5 . Bisherige Bemühungen und Erfolge der Schüler- 
organisation 

1) SECO hat eine eigene Satzung entworfen, die 
von der obersten Behörde und vom schwedischen 
Parlament (Reichstag) genehmigt wurde. 

2) In der Öffentlichkeit ist SECO bekannt gewor- 
den; die Presse berichtet nicht selten von 
ihren Bemühungen und Leistungen, auch von ih- 
ren Reichstagen. 

3) Ihre Mitglieder zahl ist auf 340 000 gestiegen, 
damit ist sie eine der größten schwedischen 
Vereinigungen . 

4) Sie setzt zunehmend ihre Mitverantwortung in 
den Schulen durch und fördert damit die Schul- 
reform und eine stärkere Demokratisierung der 
Schule. 

5) Sie hat die Ordnungsregeln der Schule kritisch 
untersucht und Regeln beseitigt, die das Pri- 
vatleben der Schüler tangieren. Hierzu hat sie 
einen Rechts-Vertrauensmann eingesetzt. 30 von 
36 Schulen, die noch Ordnungsregeln für die 
Freizeit der Schüler vertraten, haben sie dar- 
aufhin abgeschafft. Die oberste Schulbehörde 
hat in einem Erlaß darauf 1959 verfügt: "Be- 
stimmungen über die private Lebensführung der 
Jugendlichen außerhalb der Schule sollen nicht 
vorkommen . " 



220 

6) 1962 schlug SECO einen Disziplinausschuß vor, 
der dann als Zusammenarbeitsausschuß (s.o.) 
konstituiert wurde. Hier haben bestrafte Schü- 
ler Gelegenheit, ihre Rechte vertreten zu las- 
sen. Weder der bestrafte Schüler noch der stra- 
fende Lehrer dürfen an den Beschlüssen über 
solche Disziplinfragen teilnehmen. 

7) Ein generelles Beschwerderecht der Schüler ge- 
gen alle von der Schule gefaßten Beschlüsse 
wurde vorgeschlagen. Der Kultusminister hat 
daraufhin eine Kommission zur Beratung dieses 
Vorschlags eingesetzt. 

8) Ordnungsnoten wurden abgeschafft. SECO hatte 
durch ihre kritische Stellungnahme einen ent- 
scheidenden Anteil daran. 

9) Eine Zensur der Schüler Zeitungen durch Rektor 
oder Lehrer wurde durch SECO abgelehnt und 
alsbald offiziell verboten. 

10) Rektoren dürfen nicht mehr politischen Schüler- 
organisationen entgegenarbeiten. 

11) SECO trat mit für die Konstituierung des Faches 
Gesellschaftskunde ein. Dieses Fach nimmt seit 
1962 einen zentralen Platz in schwedischen 
Lehrplänen ein. 

12) Eine Umfrageaktion SECO's über Unterrichtsin- 
halte in der Oberstufe der schwedischen Gymna- 
sien verhalf der neueren Geschichte und Lite- 
ratur und den Weltreligionen zu einer stärke- 
ren Berücksichtigung im Lehrplan. 



221 



13) Religiös betonte Morgenfeiern in schwedischen 
Gymnasien wurden - auch auf Grund der Kritik 
schwedischer Schüler - in Versammlungen mit 
"neutralem" Charakter verwandelt. Hier verwies 
SECO vor allem auf die Schüler, die keiner 
christlichen Konfession angehören. 

14) Zahlreiche Entwürfe der Schüler zur Reform der 
Grundschule, des Gymnasiums und der Berufsschu- 
len wurden vorgelegt, mit Vertretern der Behör- 
den und anderer Stellen diskutiert, in Schü- 
lerreichstagen erörtert und als Beschluß ver- 
abschiedet. Sie gingen in die Beschlüsse zur 
Schulreform im schwedischen Parlament (z.T. 
unverändert) ein. Allein zur Gymnasialreform 
waren bei SECO 251 Vorschläge von Schülerver- 
tretungen eingereicht worden. 

15) Nachdem die Schüler die Freiheit ihres Privat- 
lebens von Ordnungsregeln der Schule durchge- 
setzt haben, entwerfen sie selbst Vorschläge 
für eine produktive Gestaltung der Freizeit 
und schaffen Voraussetzungen dafür. Zugleich 
aber beschäftigen sie sich intensiver mit 
Lehrbüchern, Hilfsmitteln für eigenes Arbei- 
ten oder mit Unterrichtsmaterial und führen 
entsprechende Ausstellungen durch. 

16) Studiensoziale Fragen, lehrplankritische Unter- 
suchungen und weitere Gutachten zur Verbesse- 
rung der Schule werden zur Zeit diskutiert. 



222 



17) Ein internationales Hilfsprogramm wurde aufge- 
stellt. Während des Ungarnauf Standes 1956 wur- 
de von SECO in Zusammenarbeit mit der Organi- 
sation "Rädda Barnen" (Rettet die Kinder) ei- 
ne Sammlung zur Flüchtlungshilf e durchgeführt, 
die ca. 500 000 Kronen einbrachte. Auch in 
den folgenden Jahren wurde diese Aktion fort- 
gesetzt. 1962 folgte eine Sammelaktion für den 
Dag-Hammersk j öld- Er inner ungsf onds . Noch bemer- 
kenswerter ist die Hilfsaktion für algerische 
und peruanische Kinder und Jugendliche. Mit 
Hilfe von Presse, Rundfunk und Fernsehen wur- 
de von 1962 an jährlich die Aktion "Dagsverk" 
(Tageswerk) propagiert. Schwedische Schüler 
haben einen Tag im Jahr schulfrei. Sie nehmen 
an diesem Tag verschiedenste Arbeiten an. Der 
Verdienst wird einem Sammelf onds SECO' s über- 
wiesen. Davon wurden bisher in Algerien Schu- 
len für 2 700 Kinder gebaut, in Peru sollen 
von diesen Beträgen (1966 =2,5 Mill. Kronen) 
etwa 50 Schulen errichtet werden. Zugleich 
wird überlegt, ob man auch Lehrer finanzieren 
soll . 

18) Zur Selbstfinanzierung der SECO verkaufen die 
Schüler Schreibmaschinen an Mitschüler zu her- 
abgesetzten Preisen. Eine Aktiengesellschaft 
wurde gegründet. Eine Verwaltungsstelle in 
Malmö wird finanziert, in der ein Vertrauens- 
mann (einer der seltenen Nicht-Schüler, 19-20 
Jahre alt) und eine Sekretärin im Dachgeschoß 
eines alten Hauses tätig sind. 



223 



19) SECO versteht sich auch als eine "Service- 
Organisation" . Daher wurde in zahlreichen 
Einzelfällen Schülern geholfen und ein eigenes 
' ElewSrd 1 -Programm (Schülerpflege) entworfen. 

20) Nicht selten werden SECO-Vertreter im Kultus- 
ministerium empfangen. Sie haben bisher auf 
leitende Instanzen in Schweden (Reichstag, 
Schulbehörde) mehr Einfluß als z.B. die Gre- 
mien der Pädagogischen Hochschulen (Senat, 
Konferenz) auf den Landtag oder das Kultusmi- 
nisterium. 

Man darf dabei jedoch nicht übersehen, daß die 
Vorschläge SECO's gewöhnlich in Übereinstimmung 
mit den Bestrebungen der schwedischen Schulre- 
form stehen. Die Behörden und Lehrer, die für die 
Verwirklichung der Reform eintreten, finden durch 
die Schüler Unterstützung. So werden retardieren- 
de Kräfte (häufig in der älteren Lehrerschaft) 
sowohl von "oben" als auch von "unten" in Frage 
gestellt und nach und nach verdrängt. Die Wirkung 
dieser Schülerorganisation liegt sicherlich in 
erster Linie in ihrer sachlichen Arbeit und Ini- 
tiative, zum anderen auch in der Tatsache, daß 
sie mit dem Ziel der Schulreform, der Demokrati- 
sierung der Schule, übereinstimmt. 

Schülermitverantwortung und Schulreform stehen 
also offenbar in einem Zusammenhang. Eine Schule 
ohne Erneuerungsbemühungen bietet auch dem Ver- 
besserungswillen von jungen Menschen keinen Raum. 



224 

Sie unterdrückt Aktivierungsvorschläge, bevor sie 
überhaupt wirksam werden können. Auch in Schwe- 
den müssen die Schüler noch den Widerstand ein- 
zelner Lehrer, Rektoren oder anderer Kräfte über- 
winden. Aber sie sind bereits weit vorangekommen, 
ohne den Raum ihrer sachlichen Möglichkeiten und 
Zuständigkeiten überschritten zu haben. 
Ein besonders großer Fortschritt wurde in der 
Zeit des Lehrerstreiks im Herbst 1966 erzielt. 

6. SECO und der Lehrerstreik 1966 

Im Oktober traten zahlreiche schwedische Lehrer 
in einen Streik, der durch ihre Organisationen 
ausgerufen worden war. (Seit dem 1.1.1966 dürfen 
die Lehrer und Dozenten streiken) Schulbehörden, 
Schulleitungen, Lehrer und Eltern standen ratlos 
vor einer schwierigen Situation. Niemand war be- 
reit und in der Lage, die Verantwortung zu über- 
nehmen. Es wurde lediglich sofort eine Kommission 
zur Untersuchung der Folgen dieses Streiks einge- 
setzt. Man versuchte, die Schüler mit Sportfesten 
zu beschäftigen. 

Vom ersten Tag an setzte SECO Streik-Komitees 
(bestehend aus fünf Schülern) ein, die Notpro- 
gramme ausarbeiteten und den Unterricht in der 
Schule fortsetzten. Die Schülermitverwaltung über- 
nahm fünf Wochen lang die volle Verantwortung 
für die Schule. Schüler unterrichteten ihre gleich- 



225 

altrigen Mitschüler. Erstaunlich war die Diszi- 
plin, die fast überall gehalten wurde. Schwedi- 
sche und deutsche Zeitungen berichteten, daß die 
Ordnung oftmals besser gewahrt wurde als in der 
normalen Unterrichtszeit. 

Die abschließenden Untersuchungsberichte über 
diese Schüleraktivität stehen noch aus. Ein 
schwedischer Dozent schrieb mir: "Sie haben si- 
cherlich etwas über unseren großen Schulkonflikt 
gelesen. Das war eine schreckliche, chaotische 
Zeit, die wir nicht zurückhaben wollen. Ich glau- 
be doch, daß der Konflikt die Schuldemokratie 
etwas gefördert hat. Die zentrale Schülerorgani- 
sation SECO leistete eine gute Arbeit, und die 
lokalen Schülerräte gewannen wertvolle organisa- 
torische Erfahrungen und ein stärkeres Selbstge- 
fühl . " 

Man glaubt, daß der Lehrerstreik in den Schülern 
einen neuen Respekt vor der Arbeit ihrer Lehrer, 
ein stärkeres Zusammengehörigkeits- und Verant- 
wortungsbewußtsein geweckt hat. 

Lehrer und Eltern erlebten eine verantwortungs- 
freudige Schuljugend, die freilich auch manchen 
Lehrern mit einem neuen kritischen Verständnis 
entgegentreten wird. SECO wird nun aus einer neu- 
en Perspektive gesehen. Sie hat sich bewährt, die 
Erwachsenen und Behörden waren auf sie angewie- 
sen, und sie achteten sie mehr als zuvor. 



226 



Diskussionsanmerkung 



Von U. Henning wurde ein Vergleich zwischen den 
Möglichkeiten der SECO und der deutschen Schü- 
lermitverwaltung versucht. Seine Hypothesen sei- 
en hier angefügt: 



In Schweden wird die Vertretung der In- 
teressen der Schüler durch die Schwedische Schü- 
ler-Zentralorganisation (SECO) sowohl von staat- 
licher als auch pädagogischer Seite gesetzlich 
geschützt und in Form von Erlassen unterstützt. 

In der BRD wird die Vertretung der Interes- 
sen der Schüler durch die zuständige Einrichtung 
(SMV) sowohl staatlicherseits (in Form der Ge- 
setzgebung) als auch pädagogischerseits er- 
schwert . 

Als Beleg für diese beiden Hypothesen seien nur 
drei Errungenschaften der SECO angeführt, deren 
Durchsetzung in Deutschland bis heute Uber die 
SMV nicht möglich war und deren Forderung, z .B . 
durch den "Aktionsausschuß unabhängiger soziali- 
stischer Schüler", von Politikern, Pädagogen und 
der öffentlichkeit zumindest als "ungewöhnlich" 
empfunden wird: 

a) Wegfall der Ordnungsregeln über die private 
Lebensführung der Jugendlichen außerhalb der 
Schule, 

b) Aufhebung der Zensur der Schülerzeitung (Eine 
Ausnahme: Erlaß des Hessischen Kultusministers 

c) Disziplinarausschuß für bestrafte Schüler. 



Werner Bögli 

Die schwedischen Schulreformen und der 
Entwurf einer Eingliederung der Berufsausbildung 
in das gymnasiale Schulwesen 



Gemäß einem im Frühjahr 1966 erschienenen Sach- 
verständigen-Gutachten, dem "Gutachten über die 
Berufsausbildung" , soll in Schweden die Berufs- 
schule in das gymnasiale Schulwesen eingeglie- 
dert werden. Um diesen Entwurf zu verstehen, ist 
es erforderlich, sich zuvor über die bisherigen 
schwedischen Schulreformen zu unterrichten. Wie 
den bibliographischen Hinweisen am Ende dieses 
Beitrages zu entnehmen ist, liegt über den Auf- 
bau der neuen schwedischen Schulformen - der 
Grundschule, der Fachschule und des neuen Gymna- 
siums - bereits ein ausreichend orientierendes 
Schrifttum in deutscher Sprache vor, so daß sich 
diese Darstellung auf eine geraffte Übersicht be- 
schränken kann. 

Seit 1962 ist in Schweden die 9-jährige Pflicht- 
schule, die als Grundschule bezeichnet wird, im 
Aufbau. Sie faßt die frühere Volksschule und die 
frühere Realschule sowie die Mädchenschule zusam- 
men und ist, abgesehen von neuen Unterrichtsver- 
fahren, vor allem dadurch gekennzeichnet, daß sie 
die Schüler bis ins 8. Unterrichts jähr in Klassen